Mittelbayerische Zeitung: Anerkannte Zocker / Die Nerds aus dem Jugendzimmer erleben einen Imagewand

Mittelbayerische Zeitung: Anerkannte Zocker / Die Nerds aus dem Jugendzimmer erleben einen Imagewandel. Computerspiele bieten Chancen. Leitartikel von Martin Kellermeier

ID: 1523482
(ots) - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zum ersten
Mal überhaupt die Kölner Spielemesse Gamescom eröffnet. Für alle
Spieler ist das ein Ritterschlag: Die Zocker, die einst als Nerds aus
dem Jugendzimmer abgestempelt wurden, sind jetzt eine anerkannte,
sogar begehrte Gruppe. Wirtschaftsbosse und Spitzenpolitiker haben
das Potenzial des Spielesektors erkannt - endlich. Die Entwicklung am
Spielemarkt hat dazu beigetragen. Während die Szene vor allem nach
furchtbaren Amokläufen, zum Beispiel 2009 in Winnenden, harte Kritik
aushalten musste, ist der Gesellschaft heute klar: Computerspielen
besteht nicht nur aus Schießen und Töten. Wer heute sagt, dass er ab
und an gerne spielt, erhält nicht gleich das Prädikat "potenzieller
Amokläufer". Die Menschen wissen, wie viele verschiedene Games es
gibt. Ego-Shooter und Kriegsspiele sind zwar immer noch ein
Verkaufsschlager, Spielekonsolen stehen aber mittlerweile nicht nur
in Jugendtreffs, sondern auch in Altersheimen. Nintendo hat mit
Wii-Sports einen Volltreffer gelandet. Bewegung und Fitness kann man
sich mit der Konsole direkt ins Wohnzimmer holen. Lernen am und mit
dem Computer ist fast eine Selbstverständlichkeit geworden. Der Markt
der Lernspiele ist kaum überschaubar. Auch eine Art "Praktikum" ist
am Computer möglich. Verschiedenste Simulatoren geben einen Einblick
in den Alltag von Landwirten, Busfahrern und Müllmännern. Der
Auftritt von Kanzlerin, Ministern und Abgeordneten auf der Gamescom
so kurz vor der Bundestagswahl kommt nicht überraschend. Die
Strahlkraft der Gamerszene ist groß. Das haben die Parteien
realisiert. Die FDP hat das Zocken zum Wahlkampfthema gemacht. Geht
es nach den freien Demokraten, dann soll Deutschland ein Top-Standort
für die Produktion von Computer- und Videospielen werden. Das ist
klug gerechnet. Denn mit der Spieleszene kann die Republik viel Geld


verdienen. Der US-Computerspieleentwickler Blizzard hat mit "World of
Warcraft" seit der Veröffentlichung im Jahr 2004 über zehn Milliarden
Dollar umgesetzt. Ein Addon zum Spiel, das neue Bereiche und
Charaktere liefert, hat sich letztes Jahr allein am
Veröffentlichungstag mehr als drei Millionen Mal verkauft.
Spieleklassiker wie "Fifa" fesseln seit Jahrzehnten die
Fußballfanatiker vor die Bildschirme. Rund 65 Euro kostet eine
Lizenz. Das zahlen Millionen von Zockern ohne Murren, obwohl sich das
Spiel zur Vorjahresversion oft kaum unterscheidet. BMW hat auf der
Gamescom ein Rennspiel als Werbeplattform genutzt und seinen neuen M5
der Öffentlichkeit präsentiert. Das Spielen ist auch im Alltag längst
angekommen. Smartphones und portable Konsolen, wie die PSP von
Playstation, machen Zocken auch im Zug und an der Bushaltestelle
möglich. Wer sein Handy zückt, muss keine skeptischen oder gar bösen
Blicke fürchten. Natürlich gibt es auch Probleme. Wer spielt, geht
das Risiko ein, süchtig zu werden. Die Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung mahnte 2016, dass insbesondere die Zahl
der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zunimmt, die Probleme mit der
Steuerung ihrer Internet- und Computeraktivitäten haben. In
Deutschland waren es 2015 laut der Bundeszentrale über fünf Prozent
der 12- bis 17-jährigen. Wer lange vor dem Bildschirm sitzt, leidet
unter Bewegungsmangel. Bei Minderjährigen kann das zu motorischen
Defiziten und Gewichtsproblemen führen. Wer spielt, kann in den Games
gewinnen, aber gesundheitlich viel verlieren. Es ist eben wie in
allen Bereichen des Lebens: Auch beim Computerspielen kommt es auf
die richtige Dosis an.



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