Mittelbayerische Zeitung: Besser als sein Ruf/Das neue Bayern-Museum spielt in der europäischen Champions League mit. In Regensburg ist es umstritten. Aber es gibt auch die leisen Freunde. Von Marianne Sperb
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Bayerischen Geschichte bekommt es eines der drei, vier modern-sten
Museen in Europa, einen Besucher-Magneten und ein Stück
Stadtreparatur obendrauf. Über das Geschenk freut man sich in der
Stadt aber gar nicht so arg und einvernehmlich, wie man vermuten
sollte. Es ist, wie so oft: Wo das Gefühl wallt, haben es Fakten
schwer. "Monster", "Klotz" und "scheußlich": Die Zuschreibungen in
den sozialen Netzwerken lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen
übrig. Der Daumen, so scheint 's, ist gesenkt. Tatsächlich aber
variieren die Meinungen viel stärker, als es Facebook und Co.
suggerieren. Es gibt höchst unterschiedliche Lager, auch die
differenzierten Kritiker, und neben lauten Gegnern eben auch die
vielen Regensburger, die das Haus als willkommenen Beitrag moderner
Baukunst in ihrer alten Stadt feiern - auch wenn sie sich nicht im
Internet äußern und ihre Stimme im vermeintlichen Mainstream weniger
gehört wird. Regensburg ist reich an Substanz aus dem Mittelalter -
und arm an aktueller Architektur. Die Angst vor Veränderung liegt wie
eine Eisdecke über der Stadt. Was für einen Gewinn neues Bauen mitten
im historischen Bestand bringen kann, zeigt seit Kurzem die Synagoge
von Volker Staab. Er hat ins Regensburger Welterbe eine Gebäude
eingepasst, das so kühn wie rücksichtsvoll gestaltet ist, so kostbar
wie unprätentiös. Der Mensch hängt an seinen Vorurteilen und das Neue
lehnt er erstmal ganz gern ab. Vor diesem Hintergrund darf man die
Synagoge unbedingt als vertrauensbildende Maßnahme verstehen. Gegen
Gefühle lässt sich schwer argumentieren. Richard Loibl, Direktor vom
Haus der Bayerischen Geschichte, machte die Erfahrung gerade mit der
Landesausstellung 2020. "Stadtluft macht frei" sollte sie heißen,
nach einem Rechtsgrundsatz aus dem Mittelalter. Der Titel weckte
Erinnerungen an den KZ-Schriftzug "Arbeit macht frei", die
Ausstellung wurde umbenannt. "Stadtluft befreit" heißt sie nun, auch
wenn das historisch gesehen ein rechter Schmarrn ist. Denn "Stadtluft
macht frei" drückte ja ein liberales Ideal aus, nämlich den Traum der
Leibeigenen vom Land, in der Stadt die Freiheit zu finden. Den Nazis
war der Spruch übrigens zu aufgeklärt. Das Beispiel zeigt zweierlei:
Erstens ist es nicht verkehrt, sich erst zu informieren, statt der
ersten Gefühlswallung zu folgen. Und zweitens: Emotionen sind eine
starke Kraft und ein großer Hebel. Genau deshalb spricht das neue
Bayern-Museum Herz und Hirn an und setzt weniger auf staatstragende
Pretiosen als auf Alltagsdinge, auf Objekte, mit denen Besucher
Erinnerungen verbinden. Die Kritik am Museum hat möglicherweise damit
zu tun, dass sich viele Regensburger von Anfang an eine falsche
Vorstellung von dem Projekt gemacht haben. Ein Gebäude mit 2500
Quadratmetern Schaufläche ist natürlich ein stattlicher Komplex,
nicht einfach ein weiteres Haus in der Altstadt. Und weil es eine
Ausstellung beherbergt, hat es selbstverständlich eine weitgehend
geschlossene Fassade und keine Fensterreihen. Die Form folgt der
Funktion, ein Prinzip, das im Bauhaus-Jahr gerade wieder gefeiert
wird. Mit den aufragenden und abfallenden Dachlinien und dem Foyer,
das ein Stück vom ausgelöschten Stadtgrundriss neu erlebbar macht,
spiegelt das Haus die Stadt. Und wer sich darauf einlässt, kann
sehen, wie die Fassade je nach Licht Lebendigkeit bekommt. Dass über
öffentliche Bauten erst gemeckert und dann geklatscht wird, ist ein
bekanntes Phänomen. In Münster etwa ätzten die Bürger gegen das
LWL-Landesmuseum. "Betonklotz" hieß es über das
50-Millionen-Euro-Projekt, ebenfalls von Volker Staab geplant. Als
das Haus eröffnet hatte, wählten es die Menschen zum beliebtesten
Gebäude ihrer Stadt.
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Datum: 19.04.2019 - 19:09 Uhr
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