Rheinische Post: Kommentar /
Unschlagbares Produkt, miese Vermarktung
= Von Lothar Schröder
ID: 1738942
schulterzuckend und widerstandslos hingenommen wird wie dieser: dass
den Menschen hierzulande der Glauben mehr und mehr abhandenkommt! Die
jüngsten Austrittszahlen der katholischen wie evangelischen Kirche
stellen neue Rekorde auf mit dem vorläufigen "Zwischenstand", dass
nur noch gut 53 Prozent der Bundesbürger einer christlichen Kirche
angehören. Und die Kommentare der Mitverantwortlichen sind seit
Jahren eingeübt. Von einer "schmerzenden", auch "besorgniserregenden"
Entwicklung ist dann die Rede.
Das ist alles viel zu zahm, zu defensiv. Die Kirchenflucht ist -
etwas robuster formuliert - nicht hinzunehmen. Es gibt keinen Aspekt
des christlichen Glaubens, der nicht ein wichtiger Kommentar zu
unserer Zeit wäre; zu den Kriegen (Nächstenliebe), zum Klimawandel
(Bewahrung der Schöpfung), zur Flüchtlingsfrage (Barmherzigkeit). Und
wer die Zehn Gebote ernst nimmt und diese tatsächlich zu leben
versucht, dürfte zwangsläufig zum Revolutionär werden.
Salopp formuliert: Die Botschaft ist unschlagbar, aber mies ihre
Vermarktung. Viele kennen die Kirche gar nicht mehr anders als eine
Art Bewältigungsagentur ihrer eigenen Verfehlungen. Seit wie vielen
Jahren eigentlich reden die Würdenträger schon von und über Reformen,
ohne auch nur einen Schritt zu tun? Das ist das Symptom einer
gelähmten Kirche.
Doch alle, die nun clever und aus verständlichen Gründen
argumentieren, dass man ja ein gläubiger Christ auch ohne
Kirchenzugehörigkeit sein könne, irren. Das Wesen des Glaubens ist
und bleibt die Communio, die Gemeinschaft. Darum darf es nicht das
Ziel sein, ihr aus Enttäuschung zu entfliehen, sondern sie bei allen
Frustrationen reform- und zukunftsfähig zu machen. Der unschlagbaren
Botschaft zuliebe.
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Datum: 19.07.2019 - 21:11 Uhr
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