Instinktlosigkeit / Kommentar von Johanna Dupré zur documenta
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Auf der documenta wurde antisemitische Kunst gefunden. Schon wieder. Betrachtet man den aktuellen Fund nur für sich, wäre er vielleicht nicht gar so viel Aufregung wert. Es geht um Darstellungen in einer kleinen, 1988 in Algier erschienenen Broschüre - schon die Dimension ist damit also eine ganz andere als bei dem Monumental-Banner der indonesischen Gruppe Taring Padi. Und anders als auf "The People's Justice", das Juden in übelster, an NS-Propaganda erinnernder Weise als Karikaturen darstellte, ist die Bildsprache diesmal etwas gemäßigter. Antisemitisch sind die Zeichnungen des syrischen Künstlers Burhan Karkoutly dennoch. Das eigentliche Empörende dieses erneuten Funds liegt aber sowieso woanders: Es ist die eklatante Instinktlosigkeit der documenta-Leitung im Umgang mit dem Antisemitismus-Skandal. Schon vor Wochen waren die inzwischen zurückgetretene Generaldirektorin Sabine Schormann und das Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa über den neuen Fall informiert - und haben lediglich eine juristische Prüfung der Broschüre veranlasst, nicht aber das Gespräch mit den eigentlich zur Aufarbeitung der Antisemitismus-Affäre hinzugezogenen Experten gesucht. Zu Recht zeigt sich der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, der bis vor Kurzem noch einer dieser Experten war, jetzt fassungslos. Denn dieser Vorgang verdeutlicht: Ein Dialog, eine Aufarbeitung des Skandals ist mit dieser documenta-Leitung nicht möglich. Das Chaos und die strukturelle Verantwortungslosigkeit, die die Ausstellung von Anfang an belastet haben, setzt sich fort. Der gerade angetretene Interims-Direktor Alexander Fahrenholtz muss jetzt sehr schnell, sehr deutlich durchgreifen - sonst führt an einem vorläufigen Stopp der documenta, wie es die Bundes-FDP fordert, oder gar ihrem vorzeitigen Aus kein Weg mehr vorbei.
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Datum: 28.07.2022 - 17:39 Uhr
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