Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT zu Angela Merkel
ID: 685199
Sommerferien gönnen, selbst wenn man ihrer Politik rein gar nichts
abgewinnen kann. Seit 2008 regiert die Kanzlerin im Modus der
Dauerkrise. Umso erstaunlicher sind ihre Zustimmungswerte. Die
Deutschen mögen der Politik misstrauen, Angela Merkel misstrauen sie
nicht. Ganz im Gegenteil. Die Frau bleibt ein Phänomen - und für die
Konkurrenz schwer angreifbar. Während sich die SPD nicht entschließen
kann, wen sie gegen die Kanzlerin ins Rennen schickt, distanziert
Merkel ihre Rivalen Zug um Zug. Sogar Peer Steinbrück, gewiss nicht
nur aus Sicht der Union der gefährlichste Herausforderer, liegt im
Direktvergleich klar zurück. Woher aber rührt dieses Vertrauen in die
Kanzlerin? Vor allem schätzen die Menschen Merkels nüchtern-sachliche
Art. Da ist kein Glamour, aber da ist auch keine Show. Ihre beinahe
stoische Ruhe wirkt auf viele beeindruckend, besonders im Kontrast zu
den historischen Turbulenzen in Europa. Ihre Schwächen in der Rede
kennt man längst und sieht sie ihr offenbar nach. Ohnehin kommt es
den meisten Bürgern am Ende doch eher auf die Taten an, und da macht
Angela Merkel zwar längst nicht alles richtig, aber so richtig falsch
hat sie eben auch noch nichts gemacht. Stets sind zudem all die
Pannen und Peinlichkeiten, die sich ihre Regierung seit dem
Amtsantritt im Herbst 2009 wahrlich zuhauf geleistet hat, an der
Kanzlerin abgeperlt. Auch konnten ihr die mittlerweile zahlreichen
CDU-Schlappen auf Länderebene noch die Eskapaden führender
Unionspolitiker - von Guttenberg über Wulff bis hin zu Mappus -
bisher kaum ernsthaft etwas anhaben. Dabei ist die Frau nicht nur
Kanzlerin, sondern auch CDU-Vorsitzende und allein deswegen alles
andere als unbeteiligt am Erscheinungsbild der Union. Doch selbst der
Frust, der darüber in den eigenen Reihen entstanden ist, hat keinen
kräftigen Gegenwind, sondern allenfalls ein laues Lüftchen entfacht.
Wohl der Kanzlerin, die nicht mehr als den »Berliner Kreis« der
Konservativen zu fürchten hat. Das freilich liegt auch daran, dass
die CDU nur zu gut weiß, dass sie auf absehbare Zeit ohne Merkel
nicht erfolgreich sein kann. Lange Zeit jedoch stand nur die
Kanzlerin in quasi-präsidialer Distanz zum eigenen Lager in den
Umfragen gut da, während Union und FDP kräftig abgestraft wurden.
Mittlerweile ist das anders: Zwar ist nirgends eine schwarz-gelbe
Mehrheit in Sicht, aber eine rot-grüne Mehrheit gegen Merkels Union
gibt es eben auch nicht mehr. Bliebe es so, hätte die CDU/CSU schon
viel erreicht, denn einen Partner zum Regieren findet Merkel immer.
Zumal sie für ihren Pragmatismus bekannt ist. In Zeiten der
Euro-Krise ist zwar nichts sicher. Doch Angela Merkel hat momentan
allen Grund, an eine Fortsetzung ihrer Kanzlerschaft über 2013 hinaus
zu glauben. Und mit einem besseren Gefühl kann man doch kaum in den
Urlaub starten.
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Westfalen-Blatt
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Andreas Kolesch
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Datum: 22.07.2012 - 20:00 Uhr
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