Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Hartz IV
ID: 700122
sozialer Kälte oder die beste Arbeitsmarktreform aller Zeiten ist,
lässt sich lange streiten. Beides ist falsch. Wie so oft liegt auch
hier die Wahrheit irgendwo dazwischen. Da ist die alleinerziehende
Mutter mit zwei Kleinkindern, die von Hartz IV kaum leben kann. Und
da ist der Schwarzarbeiter, der den Sozialstaat jahrelang ausnutzt,
indem er »Stütze« kassiert und nebenbei ordentlich dazuverdient.
Unstrittig ist: Hartz IV hat Deutschland verändert und die Politiker
mutloser gemacht. Allein schon die Tatsache, dass es ausgerechnet
eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung war, die das höchst
umstrittene Projekt für mehr Beschäftigung auf den Weg gebracht hat,
ist bemerkenswert und heute undenkbar. Die Reform - nicht zu
verwechseln mit den Reförmchen, die uns die Politiker heute voller
Stolz präsentieren - hätte eigentlich Schröder IV heißen müssen. Im
Gegensatz zu vielen Politikern, die heute Verantwortung tragen, hatte
der damalige Kanzler den Mut und auch die Vision, Deutschland
nachhaltig umzubauen. Sein ehrgeiziger Plan, die Arbeitslosenzahl von
damals vier Millionen innerhalb von vier Jahren halbieren zu wollen,
ging zwar nicht auf. Aber er hatte wenigstens einen Plan. Heute
unvorstellbar ist, dass Hartz IV trotz massiver Widerstände
durchgesetzt wurde. Auch Massendemonstrationen, Klagewellen an den
deutschen Sozialgerichten, der Druck von Gewerkschaften und
Sozialverbänden, die Spaltung der SPD und nicht zuletzt die Gründung
der Linkspartei änderten daran nichts. Heute würde wahrscheinlich
schon eine einzige Schlagzeile in der »Bild«-Zeitung reichen, und das
Projekt wäre beerdigt. Trotzdem ist Hartz IV nicht ohne Folgen
geblieben: Schröder verlor Parteivorsitz und Kanzlerschaft. Der Riss
zwischen SPD und Gewerkschaften ist bis heute nicht gekittet. Und die
K-Frage wäre schon längst zugunsten Peer Steinbrücks entschieden.
Aber ein »Schröderianer« ist - auch wegen des Hartz IV-Traumas - noch
immer nicht durchsetzbar. Ganz gleich, ob Hartz IV als mustergültiges
Projekt in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen oder als eine
Rasur des Sozialstaates betrachtet wird - die Reform hat doch eines
bewirkt: Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, was uns der
Sozialstaat wert ist. Und: Wieviel Sozialstaat wir uns künftig
leisten wollen und können. Diese Diskussion muss fortgesetzt werden.
Die wohl mutigste Reform der vergangenen Jahre zeigt: Nachhaltige
Veränderungen sind möglich in Deutschland. Dazu braucht es Willen und
Kraft. Und Politiker mit Rückgrat.
Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 14.08.2012 - 20:15 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 700122
Anzahl Zeichen: 2959
Kontakt-Informationen:
Stadt:
Bielefeld
Kategorie:
Politik & Gesellschaft
Diese Pressemitteilung wurde bisher 200 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Hartz IV"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
Westfalen-Blatt (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Der international renommierte Jazz-Trompeter Till Brönner befürchtet, dass Politik und Gesellschaft nichts aus der Zeit der Corona-Pandemie gelernt haben. "Das Erste, was wir tun, wenn es eng wird, ist ausgerechnet unsere DNA, nämlich die Kultur- und die Veranstaltungsbranche und die, die un
34 Polizeischüsse: Autofahrer gelähmt, Ermittlungen eingestellt ...
Die 34 Schüsse, die Polizisten vor zwei Jahren in Bad Salzuflen auf einen Audi und seinen Fahrer (19) abgegeben hatten, bleiben ohne strafrechtliche Folgen - es wird keinen Prozess geben. Die Staatsanwaltschaft Detmold hat nach WESTFALEN-BLATT-Informationen das Verfahren gegen die beiden Herforder
NRW: Polizei überwacht afghanischen Sexualtäter ...
Im Kreis Herford (NRW) wird ein afghanischer Sexualstraftäter in Absprache mit dem Landeskriminalamt "engmaschig" von der Polizei überwacht. Der 24-Jährige, der als rückfallgefährdet gilt, hatte nach einer Sexualtat eine Haftstrafe von drei Jahren und acht Monaten verbüßt und war in
Weitere Mitteilungen von Westfalen-Blatt
Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Hochschulreform vor zehn Jahren ...
Viel ist bei der Bologna-Reform versprochen worden. Gehalten wurde wenig. Mit Bachelor und Master ist Universitäten ein System übergestülpt worden, das sie in ein Korsett presst. Das praxisorientierte Ideal ist löblich. Es überfordert jedoch den Hochschulapparat. Ein bestehendes System wird
Mitteldeutsche Zeitung: Sachsen-Anhalt Staatssekretär Bergner beklagt seelischen Spießrutenlauf der Olympia-Starter ...
Angesichts der ernüchternden Bilanz für Sachsen-Anhalts Sportler bei den Olympischen Spielen in London wirbt der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Christoph Bergner (CDU), für mehr Nachsicht mit den Athleten. "Wir dürfen nicht zulassen, dass Sportler und Traine
Stuttgarter Nachrichten: Kommentar zur Zuschuss-Rente ...
Keine Frage, von der Leyen hat immerhin ein Problem richtig erkannt. Altersarmut wird nicht zuletzt wegen der zur Regel werdenden prekären Arbeitsverhältnisse ein großes Zukunftsthema. 2030 werden wohl 1,3 Millionen Menschen selbst bei lückenloser Erwerbsbiografie ihre Rente vom Staat aufstoc
Mitteldeutsche Zeitung: zu Exporten ...
Bis vor Kurzem war es vor allem die Furcht, dass sich die Staatsschuldenkrise in Südeuropa negativ auf die Geschäfte der Unternehmen in Sachsen-Anhalt niederschlägt. Die hiesige Industrie hat die Euro-Krise nun erreicht. Um über neun Prozent gingen die Exporte in die Euro-Länder im ersten




