"Die Reformation ist noch nicht vollendet"/ EKD-Vizepräsident Thies Gundlach zur Initiati

"Die Reformation ist noch nicht vollendet"/
EKD-Vizepräsident Thies Gundlach zur Initiative "Ökumene jetzt!"

ID: 714599
(ots) - Der theologische Vizepräsident im Kirchenamt der
Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Dr. Thies Gundlach,
äußerte sich zum Manifest der Initiative "Ökumene jetzt" am heutigen
Mittwoch in Hannover:

"Es ist gut und wichtig, dass Christenmenschen die Initiative
ergreifen und Kirche gestalten wollen, das entspricht der
reformatorischen Tradition. Die beiden großen Erinnerungsdaten 500
Jahre Reformation und 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil sind
glänzende Gelegenheiten, die Ökumene mit neuem Schwung zu versehen.
Die Bereitschaft, die in der Initiative "Ökumene jetzt" geäußert
wird, an der "Vorbereitung und Durchführung ... zur Erinnerung und
Würdigung" der beiden bedeutsamen Jubiläen mitzuwirken, ist ein
Angebot, das von evangelischer Seite aufmerksam und dankbar
aufgenommen wird.

Dafür spricht auch der innere Zusammenhang zwischen den beiden
Daten, der mit Händen zu greifen ist: Martin Luther wollte seine
Kirche reformieren und keine neue Kirche gründen. Dieses Anliegen
konnte sich aus sehr unterschiedlichen, keineswegs nur rein
theologischen Gründen nicht durchsetzen - so kam es zu Verwerfungen
und Trennungen. Aber wie viel Schuld und Versagen im Blick auf das
Handeln der Personen damals auch einzuräumen sind, 500 Jahre später
ist deutlich, dass ohne die Impulse von Reformation und
Gegenreformation der Weg zum Zweiten Vatikanischen Konzil ab 1962
nicht hätte gegangen werden können. Die theologischen Annäherungen
zwischen dem Konzil und den reformatorischen Grundanliegen sind
unübersehbar - aus Sicht der evangelischen Kirche sind sie der
wichtigste Grund, warum beide Jubiläen auch gemeinsam gefeiert werden
sollten.

Große Zustimmung findet auch die Überlegung der Initiative
"Ökumene jetzt", den weiteren Weg der Ökumene nicht allein in der
Verantwortung von den Kirchenleitungen zu sehen, sondern daran zu


erinnern, dass die Stärkung der Einheit eine Aufgabe aller
Christinnen und Christen ist. Wir nehmen schon jetzt dankbar wahr,
dass evangelische und katholische Christen sehr viel mehr verbindet
als trennt. Doch muss auch daran erinnert werden, dass die
theologischen Grundeinsichten für die Väter und Mütter der jeweiligen
Konfession zentral und existentiell waren. Es ist gut, dass in
ökumenischen Zusammenhängen - gleich ob in Kirchenleitungen oder an
der Basis - nicht der Eindruck gefördert wird, Theologie sei
gleichgültig, sondern dass über die theologischen Gründe für die
unterschiedlichen Kirchenverständnisse immer wieder nachgedacht wird.
Denn die Erkenntnisse der Reformatoren, etwa im Blick auf das
Priestertum aller Getauften oder die Einladung zum Abendmahl an alle
Getauften, sind auch heute noch so gewichtig, dass sie nicht
übergangen werden sollten.

Die Reformatoren haben am Beginn des 16. Jahrhunderts ein anderes
Bild von Kirche entwickelt, das sich auch heute noch an einigen
zentralen Punkten von dem Bild der römisch-katholischen Geschwister
unterscheidet. Aus evangelischer Sicht ist die Reformation noch nicht
vollendet. Wir dürfen und sollen auf Gemeindeebene alles ökumenisch
Mögliche und von beiden Seiten Gewollte nicht nur zulassen, sondern
auch - ganz wie der Aufruf "Ökumene jetzt" fordert - bestärken und
durch kraftvolle gemeinsame Zeichen beleben. Aber grundsätzlich
bleibt gültig: In ökumenischen Dingen so viel Tempo wie möglich, aber
auch so viel Geduld wie nötig."

Hannover, 5. September 2012

Pressestelle der EKD

Reinhard Mawick



Pressekontakt:
Evangelische Kirche in Deutschland
Reinhard Mawick
Herrenhäuser Strasse 12
D-30419 Hannover
Telefon: 0511 - 2796 - 269
E-Mail: reinhard.mawick@ekd.de

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