Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zum Thema Frauenquote
ID: 727130
Das Thema Frauenquote weist nicht nur für die Berufswelt in eine
interessante Richtung.
Frauen braucht das Land. Mit dem Bundesrat hat gestern zum ersten
Mal ein Verfassungsorgan eine verbindliche Frauenquote in Deutschland
beschlossen. Der Frauenanteil in den Führungsetagen soll zwar nur in
kleinen, homöopathischen Dosen ganz langsam erhöht werden und die
Quote soll lediglich für die Besetzung von Aufsichtsräten gelten,
aber immerhin. Damit wird ein Signal gesetzt. Frauen, die bisher kaum
zehn Prozent der Chefposten in den großen börsennotierten Unternehmen
innehaben, aber rund die Hälfte der Bevölkerung stellen, bekommen
politischen Rückenwind aus der Länderkammer. Interessant war das
gestrige Votum für eine Frauenquote in mehrfacher Hinsicht: Erstens
machten neben den von Rot und Grün regierten Ländern auch das
CDU-geführte Saarland sowie Sachsen-Anhalt ziemlich selbstbewusst und
ungerührt von der schwarz-gelben Skepsis mit. Zweitens zwingt die
Länderkammer Bundesregierung und Bundestag dazu, Farbe zu bekennen.
In Angela Merkels christlich-liberalem Kabinett gibt es allein drei
unterschiedliche Positionen. Von keinerlei Quote, wie es die FDP
will, der freiwilligen "Flexi-Quote" von Frauenministerin Kristina
Schröder bis zu Ursula von der Leyens verbindlichem Frauen-Anteil.
"Röschen schon wieder", stöhnen manche in Unions-Macho-Kreisen auf.
Diese Regierung ist in Sachen Frauen-Quote wie eine
Pralinenverpackung. Man weiß nie, was man bekommt, wenn man sie
auswickelt. Und drittens hat der Bundesrat gestern vorgeführt, dass
es sich ohne die verzweifelt um Profil kämpfenden Freidemokraten ganz
gut regieren lässt, vielleicht sogar besser als mit ihnen. Am Montag
noch hat Angela Merkel - aus Koalitionsräson - auf Schwarz-Gelb
geschworen und eine erneute große Koalition weit von sich gewiesen.
Doch man sollte solche Schwüre nicht allzu ernst nehmen, wie die
groß-koalitionären Annäherungen bei Frauenquote oder Mindestlohn
zeigen. Auch Merkel kann, wenn es ihrer Kanzlerschaft dient, wieder
anders. Und schon gar nicht wird sie sich von der
"Unions-Sozialtante" und Quoten-Vorkämpferin Ursula von der Leyen
ausbooten lassen. Dazu ist Frau Merkel, die es auch ohne Quote an die
CDU-Spitze und ins Kanzleramt geschafft hat, zu clever. Freilich sind
auch von einer Frauenquote, die in absehbarer Zeit ohnehin nicht
Gesetz wird, keine Wunderdinge zu erwarten. Die "gläserne Decke", die
dominierende Männernetzwerke auf den Führungsetagen abschirmt, ist
nur zu durchbrechen, wenn Frauen bessere Bedingungen bekommen,
Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Den "natürlichen"
Nachteil, den Frauen im Beruf durch das Kinderkriegen und die Familie
haben, können sie vor allem dann ausgleichen, wenn das Umfeld
frauenfreundlich gestaltet wird. Dazu gehört allerdings auch, dass
weitsichtige Männer in Führungspositionen engagierte und gut
qualifizierte Frauen fördern und nach oben kommen lassen. Fast
unbemerkt setzt etwa auch CSU-Chef Horst Seehofer zunehmend auf
Frauen-Power in der CSU. Ilse Aigner wird demnächst so etwas wie
seine erste Kronprinzessin in München. Landesgruppenchefin Gerda
Hasselfeldt führt die CSU-Bundestagsliste an. Hinzu kommen weitere
starke Frauen wie Haderthauer, Merk und Co. Die nach hartem Kampf in
der CSU eingeführte Frauen-Quote beginnt, Früchte zu tragen.
Von Reinhard Zweigler, MZ
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Datum: 21.09.2012 - 21:22 Uhr
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