Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu steigenden Preisen für Ackerland
ID: 823245
entschädigungslos ihr Land verlieren, weil dort eine Autofabrik
gebaut werden soll. »Na und?« heißt es auch, wenn in Bangladesch
Pachtland von Reisbauern geflutet wird, weil Großgrundbesitzer dort
lieber Garnelen für den Export züchten. »Na und?« heißt es
schließlich, wenn im Kongo großflächig Land zur Gewinnung von Palmöl
umgemünzt wird. Warum soll uns das kümmern? Ist doch Tausende von
Kilometern entfernt . . . Was aber, wenn die Lebensmittelversorgung
im eigenen Land berührt ist? Dass Äcker plötzlich wieder eine Rendite
abwerfen, von der Generationen von Landwirten nur träumen konnten,
hat sich unter denen schnell herumgesprochen, die immer Ausschau nach
profitablen Anlagen halten. Bislang sehen die Verbände allerdings
noch kein Problem in dem Ankauf landwirtschaftlicher Flächen durch
Nichtagrarier. Die rasante Erhöhung der Kaufpreise und Pachten kommt
in Deutschland derzeit durch eine andere Tür. Diese spaltet die
Landwirtschaft selbst: Unter den Profiteuren sind nämlich nicht
wenige Bauern - solche, die früh in Biogas investiert haben und
weiter aus der hohen Förderung Nutzen ziehen. Auch der eine oder
andere Rentner, der seinen Hof stillgelegt hat und nun von den
Pachteinnahmen lebt, wird versuchen, seine Einnahmen zu erhöhen. Und
schließlich profitieren auch die Landwirte, die ihre Betriebe
technisch soweit modernisiert haben, dass es auf der Kostenseite
keine große Rolle spielt, wenn sie ihren ohnehin großen Tierbestand
noch optimieren - also vergrößern. Beim Legehennenskandal ist es
gerade wieder Thema: Tiere brauchen Fläche. Die Flächen aber sind in
Deutschland, wo es keine riesigen Wälder und Sümpfe mehr gibt, nicht
mehr ausdehnbar. Und ein zweites Stockwerk auf vorhandenem Boden nur
für den Getreideanbau wird es nicht geben. Im Gegenteil gehen der
Landwirtschaft jährlich immer noch viele Flächen verloren. Zum
Beispiel an den Straßenbau. An neue Wohn- und Gewerbegebiete oder
Freizeiteinrichtungen. An den Naturschutz. Man könnte abwarten, bis
die freie Marktwirtschaft das Problem löst. Die Gefahr, dass die
Lebensmittelversorgung in Deutschland zusammenbricht, ist denkbar
gering. Noch erwirtschaftet die deutsche Landwirtschaft jeden fünften
Euro im Export. Aber natürlich werden die Lebensmittelpreise steigen.
Für einige Bauern wird es nicht genug sein - sie werden ihre Höfe
schließen müssen. Der ländliche Raum wird noch mehr ausbluten. »Na
und?« Wenn uns die Zukunft des Landes nicht gleichgültig ist, dann
müssen wir die Bauern unterstützen und zwar am besten dadurch, dass
wir regional erzeugte Produkte kaufen. Aufgabe der Politik könnte es
sein, den Ankauf landwirtschaftlich genutzter Flächen durch
Nichtagrarier zu begrenzen. Das bisher auf Flächen ab zwei Hektar
begrenzte Vorkaufsrecht ist dabei noch der einfachste Hebel.
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Andreas Kolesch
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Datum: 26.02.2013 - 23:00 Uhr
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