DER STANDARD-Kommentar "Eine schwarze Hoffnung" von Michael Völker
ID: 956839
Noch nicht. Michael Spindelegger ist noch nicht bereit dazu, die
Partei ist noch nicht bereit dazu und Kurz selbst auch nicht. Noch
nicht. Aber irgendwann ist das denkbar. Sogar logisch. Kurz ist die
Zukunftshoffnung der ÖVP. Und er ist beliebt. Sogar in der eigenen
Partei: Mehr als 35.000 Menschen gaben ihm bei der Nationalratswahl
eine Vorzugsstimme. Das ist Platz eins, ganz klar, noch vor seinem
Parteichef Michael Spindelegger, der sich mit 10.000
Sympathiebekundungen weniger begnügen musste. Das ist auch Platz eins
vor FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, der in dieser Frage als
Vergleich wahrscheinlich der wichtigere Parameter ist. Aber noch
bleibt Michael Spindel?egger. Er hat am Wahlsonntag zwei
Prozentpunkte verloren, aber kein Debakel erlitten. Das ist - in
Österreich - kein Grund zu gehen. Und wer sollte ihm jetzt
nachfolgen? Reinhold Mitterlehner? Um die Not zu verwalten? Auch
Mitterlehner kann in Perspektiven denken. Für einen Wandel der Partei
ist die Zeit noch nicht reif, außerdem ist Mitterlehner selbst zu
sehr in den Strukturen verhaftet, um sie ändern zu können. Was eine
grundlegende Voraussetzung wäre, um der ÖVP die Perspektive wieder zu
öffnen. Kurz ist ein erstaunliches Talent. In der Darstellung
jedenfalls, vielleicht auch im Inhalt. Als er im Sommer bei
Spindeleggers "Österreich-Rede" in der Hofburg als Vorredner
engagiert wurde, stahl er seinem Chef glatt die Show. Eloquent,
witzig, authentisch. Und dann kam Spindel?egger auf die Bühne. Und
Kurz ist schlau: Er wurde nicht Obmann der ÖVP Wien, wurde nicht
einmal ihr Spitzenkandidat. Da haben sich dann andere beschädigt.
Kurz hat erkannt, dass er sich jetzt nicht verbrennen lassen will. In
seiner Referenzliste führt er übrigens einen Kommentar im Standard zu
seinem Amtsantritt an, in dem ihm die Eignung zum Staatssekretär
abgesprochen wurde. Kurz trägt diesen Misstrauensvorschuss wie einen
Orden. Die Kritik bezog sich allerdings auf fachliche und sachliche
Eignung und Erfahrung - die damals nicht vorhanden war. Aber
zugegeben, in dieser Frage muss man ihn neu bewerten: Kurz hat seinen
Job mit Anstand und Engagement gemacht. Er ist nicht der
Ausländerbeauftragte der ÖVP, er ist für Integration zuständig, und
in diesem Themenfeld konnte er den rechten Hetzern Wind aus den
Segeln nehmen. Nicht dass irgendwas gelöst wäre - aber es wird
weniger aufgeregt und gehässig darüber geredet. Dass er in all diesen
Debatten niemals darauf vergisst, auch das Eigenmarketing kräftig zu
bedienen, kann man ihm zum Vorwurf machen. Oder es als Bestätigung
seines Talents sehen. Kurz ist pragmatisch: für die große Koalition.
Was sonst. Aber neu in der Darstellung, im Inhalt, in den Regeln.
Andere einbinden und mitnehmen. Ähnlich denkt er auch die Partei. Er
ist kein Revoluzzer, sondern Realist. Die Bündestruktur in der ÖVP
hat er für sich perfekt ausgenutzt, er würde sie aber anders
gestalten, durchlässiger, wenn er könnte. Den Föderalismus hält Kurz
ebenfalls für reformierbar: Nicht abschaffen, aber neu aufsetzen.
Etwa in die Richtung: weniger herrschen, mehr dienstleisten. Wer Kurz
jetzt zum Parteiobmann machen möchte, meint es nicht gut mit ihm.
Kurz scheint es selbst zu wissen: Die Zeit arbeitet für ihn. Er ist
27. Ein paar Jahre noch wie bisher, dann kann die ÖVP an ihm nicht
vorbeigehen.
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Datum: 06.10.2013 - 18:21 Uhr
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Sebastian Kurz wird in der ÖVP einlösen müssen, was er für sie darstellt Wien
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