Mittelbayerische Zeitung: Verwirrung um sinnvollen Pakt / Die Bundesregierung hat zu spät über den Migrationspakt informiert. Deshalb haben die Rechtspopulisten die Deutungshoheit übernommen. Von Reinhard Zweigler
ID: 1675260
der Nachfolger sie erst einmal abwischen. Jedes Schulkind, jeder
Lehrer weiß das. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, hieß es früher beim
Müller. Der Bundesregierung scheinen, im übertragenen Sinne, solche
Binsenweisheiten fremd zu sein. Über den UN-Migrationspakt, der in
zwei Wochen auf großer internationaler Bühne im marokkanischen
Marrakesch unterzeichnet werden soll, wurde monatelang verhandelt.
Der Entwurf des Paktes liegt den UN-Staaten bereits seit Juli vor. Es
wäre also genug Zeit gewesen, um auch in der breiten Öffentlichkeit
über Ziele und Hintergründe des UN-Projektes zu reden - und dies
nicht nur diplomatischen Insidern zu überlassen. Doch offenbar hat es
die Bundesregierung sträflich versäumt, rechtzeitig und umfassend
über das Vertragspapier zu informieren. Dass nun Rechtspopulisten und
Verschwörungstheoretiker in diversen Internetforen und inzwischen
auch auf Demonstrationen die Deutungshoheit über den Pakt übernahmen,
hat sich die Regierung selbst zuzuschreiben. Erst vor drei Wochen
diskutierte das Parlament - auf Antrag der AfD - den "Vertrag für
sichere, geordnete und geregelte Migration". Hat man im Auswärtigen
Amt, im Kanzleramt oder im Bundestag wirklich geglaubt, ein solch
brisantes Papier ließe sich unter der Decke halten, bloß keine
schlafenden Hunde wecken? Man kann das nur als peinliches
Kommunikations-Desaster bezeichnen. Die Regierung hat einem an sich
sinnvollen Pakt einen Bärendienst erwiesen. In der Sache muss nun
erst einmal "die Tafel abgewischt" werden. Denn immer, wenn nicht von
vorn herein ordentlich informiert wird, machen sich Gerüchte,
Halbwahrheiten, Fake-News breit. Eine der falschen Behauptungen, die
etwa aus AfD-Kreisen lanciert wird, besagt, dass künftig jeder
Migrant nach Deutschland kommen dürfe. Das ist natürlich Unsinn. Im
Pakt wird zwar Zuwanderung als eine "Quelle des Wohlstands" benannt.
Doch es wird ebenso deutlich zwischen regulärer und illegaler
Zuwanderung unterschieden. Die reguläre Zuwanderung soll gefördert
werden, was für die alternde deutsche Gesellschaft sinnvoll ist.
Illegale Migration dagegen soll eingedämmt, kriminellen Schleppern
soll das schmutzige Handwerk gelegt werden. Allerdings orientiert der
UN-Pakt auch darauf, dass es irregulären Migranten leichter gemacht
werden soll, legal im Einwanderungsland zu bleiben. Diese Debatte
läuft in Deutschland allerdings bereits, wenn man auf die Diskussion
um gut integrierte Kriegsflüchtlinge schaut, die Deutsch gelernt und
eine Ausbildung oder Job haben, aber keine dauerhafte
Aufenthaltserlaubnis. Das Stichwort heißt: Spurwechsel. Eine weitere
Sorge, die von Gegnern des UN-Paktes unter das Volk gestreut und über
Petitionen auch in den Bundestag getragen wird, ist die, dass künftig
jeder Flüchtling in das deutsche Sozialsystem einwandern könne. Dabei
heißt es im Migrationspakt nur, dass "Arbeitsmigranten aller
Qualifikationen" beim Zugang zum Sozialschutz geholfen werden solle.
Für Firmen, die landauf, landab händeringend nach Fachkräften suchen,
kämen qualifizierte Leute doch gerade recht. Zwischen der sogenannten
Erwerbsmigration einerseits und der Aufnahme von Flüchtlingen
beziehungsweise politisch Verfolgten (Asyl) andererseits wird klar
unterschieden. Neben dem Migrations- hat die UN auch einen
Flüchtlings-Pakt erarbeitet. Woran es in der aufgeregten Debatte um
den UN-Pakt aber vor allem keinen Zweifel geben darf, ist, dass
Deutschland, also der Gesetzgeber Bundestag, weiterhin souverän über
die Zuwanderungs- und Flüchtlingspolitik bestimmt. Das machen nicht
die Vereinten Nationen. Im Antrag der GroKo-Fraktionen, der heute im
Bundestag behandelt wird, steht deshalb richtigerweise, dass die
UN-Vereinbarung keine einklagbaren Rechte und Pflichten begründet.
Stimmt, kommt allerdings reichlich spät.
Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de
Original-Content von: Mittelbayerische Zeitung, übermittelt durch news aktuell
Weitere Infos zu dieser Pressemeldung:
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 28.11.2018 - 20:25 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 1675260
Anzahl Zeichen: 4478
Kontakt-Informationen:
Stadt:
Regensburg
Kategorie:
Innenpolitik
Diese Pressemitteilung wurde bisher 480 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Mittelbayerische Zeitung: Verwirrung um sinnvollen Pakt / Die Bundesregierung hat zu spät über den Migrationspakt informiert. Deshalb haben die Rechtspopulisten die Deutungshoheit übernommen. Von Reinhard Zweigler"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
Mittelbayerische Zeitung (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Zukunft geMAInsam gestalten, so hatten die DGB-Gewerkschaften den gestrigen Tag der Arbeit, nun ja nicht besonders originell, überschrieben. Das fade Motto täuscht freilich nicht darüber hinweg, dass die Gewerkschaften hierzulande vor riesigen Herausforderungen stehen. Nach zweieinhalb Jahren C
Als Ministerin untragbar Anne Spiegel hat mit ihrem Verhalten nach der Flutkatastrophe an der Ahr ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Notfalls muss der Kanzler sie rauswerfen. Von Reinhard Zweigler ...
Was waren die Beileidsbekundungen der heutigen Bundesfamilienministerin Anne Spiegel von den Grünen eigentlich wert, die den Hochwasseropfern an der Ahr Betroffenheit bekundete? Ihr sei das Herz schwer und die Trauer lasse sie nicht los, sagte sie zu Beginn der Katastrophe. Doch kurz darauf packt
Die Impfpflicht macht Sinn / Gerade weil viele in der gefährdeten Generation Ü60 noch keine Impfung haben, könnte gesetzlicher Druck Unentschlossene zu dem Pieks bewegen. / Von Reinhard Zweigler ...
Es ist schon seltsam, wie schnell das Drama des Ukraine-Krieges das Aufregerthema der vergangenen zwei Jahre in den Hintergrund gedrängt hat. Corona - war da noch was? Gefühlt ist die Pandemie doch schon vorbei, trotz hoher Infektionszahlen. Die in vielen Bundesländern vollzogenen Lockerungen,
Weitere Mitteilungen von Mittelbayerische Zeitung
Allg. Zeitung Mainz: Bitteres Thema / Reinhard Breidenbach zur Abschiebung von Straftätern ...
Es sind keine Hardliner der CSU, die in vorderster Front einen neuen Ansatz wählen und sich aktuell Gedanken über die notwendige Abschiebung von Intensivtätern unter den Flüchtlingen machen, auch keine Aktivisten der AfD. Bei diesem Thema darf es nicht um Parteifarben gehen, schon gar nicht u
RNZ: "Rhein-Neckar-Zeitung" (Heidelberg) zur Islamkonferenz ...
Seehofers Vorgänger hatten sich noch darauf beschränkt, mit den Vertretern der konservativen Islamverbände zu sprechen - was die bequemste Lösung war. Diesmal sind dagegen auch aufgeklärte, liberale Verbände und kritische Wissenschaftler dabei, das Meinungsspektrum ist erfreulicherweise br
Rheinische Post: Merkel will Trump am Rande des G20-Gipfels zu persönlichem Gespräch über Krisenthemen treffen ...
Bundeskanzlerin Angela Merkel will nach Informationen der "Rheinischen Post" am Rande des G20-Gipfels in Argentinien mit US-Präsident Donald Trump zu einem persönlichen Gespräch über aktuelle Konflikte zusammenkommen. Seit Tagen werde intensiv daran gearbeitet, dass ein solches Tre
Gröhe: Fortsetzung der Deutschen Islam Konferenz ist wichtiges Signal an Muslime ...
Bei der Auftaktkonferenz in dieser Woche werden die Themen für die kommenden drei Jahre festgelegt Am heutigen Mittwoch beginnt in Berlin die vierte Phase der Deutschen Islam Konferenz (DIK) auf Einladung des Bundesinnenministers. Dazu erklärt der Beauftragte für Kirchen und Religionsgemei




