Vom Acker an den Pranger / Die deutschen Bauern sind sauer - zu Recht. Sie halten gerade für viele Fehlentwicklungen den Kopf hin. Die Politik setzt falsche Anreize. Von Claudia Bockholt
ID: 1780398
Parteitags in Leipzig doch noch an eine vergessene Klientel: Bauern. "Es geht um
Familien, die unsere Dörfer prägen, Familien, die für unser tägliches Brot
stehen", mahnte Vize-Fraktionsvorsitzende Gitta Connemann. Landwirte waren auch
stets treue Unionswähler: 60 Prozent für die CDU, für die CSU sogar 66 Prozent.
Umgekehrt können sich Landwirte nicht mehr zu jeder Zeit auf die Union
verlassen. Gerade fuhren wütende Bauern auf Treckern nach Berlin. Die Politiker
ernten Zorn, den sie selbst gesät haben. Im Bemühen, die Stimmungslage pro
Natur- und Klimaschutz aufzugreifen und den raketenhaften Aufstieg der Grünen zu
bremsen, ließen sie es zu, dass die Agrarwirtschaft für praktisch alles
herhalten muss, was seit Jahren falsch läuft. Zu schnell, zu extensiv, zu
billig: Diese Fehlentwicklung, die den so gern im Mund geführten Anspruch der
"Nachhaltigkeit" ad absurdum führt, gibt es aber in vielen Branchen. Kleidung
ist zur Centware geworden. Für 26 Euro fliegt man zum Wochenend-Shopping nach
Rom. Die Nachfrage regelt das Angebot. Kritik an den Verhältnissen ist
selbstverständlich erlaubt: Angesichts der Tatsache, dass die Landwirtschaft für
nur 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Europäischen Union sorgt, darf man
fragen, wieso 37 Prozent des Budgets für Subventionen draufgehen. Und man sollte
dringend fragen, ob die Unterstützung bei denen ankommt, die sie brauchen. 300
000 Euro erhielt 2018 zum Beispiel der Regensburger Multimillionär und
Großgrundbesitzer Albert von Thurn und Taxis. Da findet offensichtlich Förderung
mit der Gießkanne statt. Unter den 15 größten Subventions-Empfängern ist
jedenfalls kein einziger Landwirt. Die Nachkriegs-Hungerjahre in Europa, unter
deren Eindruck das umfassende Fördernetz einst gespannt wurde, sind lange
vorbei. Niemand darbt, vielmehr sind die meisten zu dick. Heute geht es darum,
nicht den Boden zu zerstören, auf dem gesundes Essen wachsen kann. Gäbe es die
Subventionen nicht, wäre der Umstieg auf ökologische Landwirtschaft für viele
Bauern gar nicht zu stemmen. Doch oft genug wurden und werden falsche
Förder-Anreize gesetzt. Biogas zum Beispiel war zur Jahrtausendwende die große
Hoffnung der grünen Energiewende und wurde großzügig unterstützt. Die Folge:
Deutschland vermaiste. Wo gelbe Monokulturen entstanden, verschwanden all die
Insekten und Kleinstlebewesen, die wir heute so schmerzlich vermissen. Über den
Naturschutz-Debatten unserer Zeit schwebt eine romantische Vision vom ländlichen
Idyll, von glücklichen Kühen, pickenden Hühnern und gesunder Vollwertkost. Eine
Vision, die ironischerweise vor allem von der Stadtbevölkerung beschworen wird.
Doch die heutige Welt ist komplex, das Ursache-Wirkung-Geflecht schwer zu
durchschauen. Da sucht man gerne nach einfachen Lösungen. Die Landwirte in
Deutschland mit immer mehr Vorschriften zu überfordern, ist keine. Dass noch
mehr kleinere Betriebe aufgeben, kann unmöglich das Ziel sein. Wer die
Landwirtschaft aus Deutschland verdrängt, treibt den Teufel mit dem Beelzebub
aus. Er holt sich fragwürdige, ja unappetitliche Importe auf den Tisch. Wir
wollen, dass Tiere artgerecht gehalten werden? Unseren Hunger auf gesundes,
eiweißreiches Hähnchenbrustfilet stillt bereits zu einem Viertel das ferne
Ausland, im vergangenen Jahr vor allem Thailand. Wie Gockerln dort gehalten
werden, will man sich lieber nicht vorstellen. Ein großer Teil des Bio-Gemüses,
das wir im Supermarkt supergünstig kaufen, wächst in Spanien unter Ausbeutung
der Grundwasserreserven, gepflückt zu Billiglöhnen von rechtlosen Migranten.
Vielerorts werden Dünger eingesetzt, die bei uns im Ökolandbau nicht zulässig
sind. Ach ja: Auch diese Betriebe erhalten EU-Subventionen. All das sollte
bedenken, wer unsere Landwirte als Sündenböcke an die Klippen treibt. Wenn sie
zerschmettert unten liegen, sind unsere Probleme noch da.
Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de
Weiteres Material: https://www.presseportal.de/pm/62544/4472160
OTS: Mittelbayerische Zeitung
Original-Content von: Mittelbayerische Zeitung, übermittelt durch news aktuell
Weitere Infos zu dieser Pressemeldung:
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 17.12.2019 - 19:45 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 1780398
Anzahl Zeichen: 4624
Kontakt-Informationen:
Stadt:
Regensburg
Kategorie:
Innenpolitik
Diese Pressemitteilung wurde bisher 580 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Vom Acker an den Pranger / Die deutschen Bauern sind sauer - zu Recht. Sie halten gerade für viele Fehlentwicklungen den Kopf hin. Die Politik setzt falsche Anreize. Von Claudia Bockholt"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
Mittelbayerische Zeitung (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Zukunft geMAInsam gestalten, so hatten die DGB-Gewerkschaften den gestrigen Tag der Arbeit, nun ja nicht besonders originell, überschrieben. Das fade Motto täuscht freilich nicht darüber hinweg, dass die Gewerkschaften hierzulande vor riesigen Herausforderungen stehen. Nach zweieinhalb Jahren C
Als Ministerin untragbar Anne Spiegel hat mit ihrem Verhalten nach der Flutkatastrophe an der Ahr ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Notfalls muss der Kanzler sie rauswerfen. Von Reinhard Zweigler ...
Was waren die Beileidsbekundungen der heutigen Bundesfamilienministerin Anne Spiegel von den Grünen eigentlich wert, die den Hochwasseropfern an der Ahr Betroffenheit bekundete? Ihr sei das Herz schwer und die Trauer lasse sie nicht los, sagte sie zu Beginn der Katastrophe. Doch kurz darauf packt
Die Impfpflicht macht Sinn / Gerade weil viele in der gefährdeten Generation Ü60 noch keine Impfung haben, könnte gesetzlicher Druck Unentschlossene zu dem Pieks bewegen. / Von Reinhard Zweigler ...
Es ist schon seltsam, wie schnell das Drama des Ukraine-Krieges das Aufregerthema der vergangenen zwei Jahre in den Hintergrund gedrängt hat. Corona - war da noch was? Gefühlt ist die Pandemie doch schon vorbei, trotz hoher Infektionszahlen. Die in vielen Bundesländern vollzogenen Lockerungen,
Weitere Mitteilungen von Mittelbayerische Zeitung
Kommentar zu Seehofers Plänen gegen rechts: Stichwortgeber der AfD ...
Horst Seehofer ist der falsche Mann, um rechtsradikale Gewalt zu bekämpfen. Der Bundesinnenminister war lange ein prominenter Stichwortgeber der extremen Rechten. Seine Aussage vor einigen Jahren, sich "bis zur letzten Patrone" dagegen zu sträuben, "eine Zuwanderung in die deutsc
Staatsanwältin Britta Zur wird Polizeipräsidentin in Gelsenkirchen ...
Die Düsseldorfer Staatsanwältin Britta Zur (39) wird neue Polizeipräsidentin von Gelsenkirchen. Das hat nach Informationen der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ, Mittwochausgabe) das Landeskabinett von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) beschlossen. Zur war zuletzt Pressesprecherin d
Erfolgreiche Straßenbau-Managerin verlässt Straßen.NRW ...
Die erfolgreiche Straßenbau-Managerin Elfriede Sauerwein-Braksiek verlässt überraschend den Landesbetrieb Straßen.NRW und übernimmt ab 1. April 2020 die Leitung der neuen "Niederlassung Westfalen" der Autobahn GmbH des Bundes. Sauerwein-Braksiek bestätigte das gegenüber der Westd
Gauland: Rundfunkgebühren müssen auf den Prüfstand ...
Zur Ankündigung des britischen Premierministers Boris Johnson, die Finanzierung der Rundfunkanstalt BBC zu überprüfen, teilt der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Alexander Gauland, mit: "Es ist gut und richtig, dass Boris Johnson in Großbritannien eine Diskussion üb




