Mittelbayerische Zeitung: Bitte nicht nachmachen
Von Katia Meyer-Tien
ID: 1703510
klingen fast zu gut, um wahr zu werden. Die Idee der kostenlosen
Kindergartenplätze ist so einer: Seit Jahren belegen Studien immer
wieder, wie wichtig die frühkindliche Bildung ist. Und dass Kinder
enorm profitieren können vom Kontakt zu Gleichaltrigen, ebenso wie
von der Betreuung durch qualifizierte Erzieher. Dieses Angebot allen
Kindern unabhängig vom Einkommen der Eltern zugängig zu machen
scheint fair und in einer demokratischen Gesellschaft geboten. Zumal
es darüber hinaus den Eltern ermöglicht, arbeiten zu gehen und so
Familieneinkommen, Karrierechancen und Rentenansprüche zu verbessern.
Da verwundert es kaum, dass Freie Wähler, SPD und Linke mit der
Forderung nach kostenfreien Kindergartenplätzen in die Landtagswahl
gezogen sind. Einige Bundesländer haben die Gebühren bereits ganz
oder teilweise abgeschafft, und auch Münchens Oberbürgermeister will
die Elternbeiträge für die städtischen Kindergärten nun so weit
absenken, dass sie durch den Zuschuss von 100 Euro, den der Freistaat
ab April pro Kindergartenplatz gewährt, komplett abgedeckt sind. 12,5
Millionen Euro soll sich die Stadt das kosten lassen. Damit könnte
die bayerische Landeshauptstadt - sollte der Stadtrat zustimmen - zum
Vorreiter im Freistaat werden. Allerdings zum Vorreiter auf einem
Irrweg. Denn zum einen ist die Offensive aus dem Münchner Rathaus
allem Anschein zum Trotz alles andere als sozial gerecht: Denn
bislang berechnet sich die Gebühr in den städtischen Einrichtungen
nach dem Einkommen der Eltern, wer wenig verdiente, bezahlte gar
nichts. Nun auch alle anderen beitragsfrei zu stellen, bedeutet, dass
die investierten Millionen ganz allein den Besserverdienern zugute
kommen. Zum anderen, grundsätzlicher, liegen die Probleme der Eltern
meist gar nicht bei den Kindergartengebühren, weder in München noch
bayernweit. In Regensburg beispielsweise beträgt der Höchstbetrag für
mehr als neun Stunden tägliche Betreuung 145 Euro monatlich, die
öffentlichen Einrichtungen in der Region verlangen ähnliche Gebühren
oder weniger. Ab April sollen 100 Euro davon dank des Zuschusses der
Staatsregierung ohnehin wegfallen, Geringverdiener haben Anspruch auf
wirtschaftliche Jugendhilfe, Empfänger von Sozialleistungen zahlen
gar nichts. Ganz anders hingegen läuft es im Bereich der
Kleinstkinderbetreuung. Trotz eines Rechtsanspruchs findet in Bayern
längst nicht jeder einen wohnortnahen Krippenplatz, und wenn, sind
Gebühren von mehreren hundert Euro pro Monat keine Seltenheit. Auch,
dass viele Eltern - Beschäftigte im Schichtdienst zum Beispiel - für
ihre Krippen- oder Kindergartenkinder eigentlich auch
Betreuungsmöglichkeiten außerhalb der Regelzeit brauchen, ist ein
Problem. Ebenso vielerorts die Betreuung von Schulkindern. Und
zuletzt: Wer Geld in erster Linie in die Senkung oder gar Abschaffung
von Kindergebühren investiert, der verkennt, dass die meisten Eltern
nicht einfach irgendeine Betreuung für ihr Kind haben wollen, sondern
die Bestmögliche. Dafür brauchen die Einrichtungen gute Erzieher und
Kinderpfleger. Und die sind rar. In dieser Situation verfügbares Geld
nicht in Ausbildung, Vergütung und bessere Arbeitsbedingungen zu
investieren, sondern ohnehin niedrige Gebühren abzuschaffen ist
absurd. Wer ein gutes und gerechtes Kinderbetreuungssystem haben
will, darf nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun.
Bedarfsgerechte, für jeden bezahlbare und flexible Betreuung für alle
Altersklassen durch qualifizierte und motivierte Erzieher, Pfleger
und Pädagogen muss das erste Ziel sein. Wenn dann noch Geld übrig
ist, darf diese auch gerne kostenfrei werden.
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Datum: 11.03.2019 - 20:43 Uhr
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